Psychisch kranke Jugendliche besser versorgt

Stuttgart / Mannheim, 12. Dezember 2018

Modellvorhaben für intensive ambulante Betreuung verhindert Psychiatrieaufenthalte für Heranwachsende

Gemeinsame Pressemitteilung des BKK Landesverbandes Süd, der AOK Baden-Württemberg und dem Zentralinstitut Seelische Gesundheit

Rund 14.400 Versicherte der AOK Baden-Württemberg im Alter von 16 bis 24 Jahren leiden unter schweren Störungen der Emotionsregulation wie Borderline-Störungen, ausgeprägte ADHS, Störungen des Sozialverhaltens, posttraumatische Belastungsstörungen oder schwere Essstörungen. In den vergangenen 5 Jahren stieg die Anzahl der Versicherten mit solchen Diagnosen um 34 Prozent. Um die psychiatrische Versorgung zu verbessern und zu vermeiden, dass sich die Krankheitsbilder verschlechtern und chronisch werden, initiiert die AOK Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und dem BKK Landesverband Süd ein neuartiges Modellvorhaben. „Eine intensive ambulante Betreuung mit festen Ansprechpartnern steht dabei im Vordergrund. Diese soll dazu beitragen, dass weniger Klinikaufenthalte nötig sind und Krisen der jungen Leute rechtzeitig erkannt und behandelt werden“, so Nadia Mussa, Leiterin des Fachbereichs Krankenhausversorgung bei der AOK Baden-Württemberg.

Im Jahr 2017 wurden mehr als 900 Versicherte der AOK Baden-Württemberg im Alter von 16 bis 24 Jahren aufgrund von Störungen der emotionalen Regulation im Krankenhaus behandelt. 42,5 Prozent von ihnen waren länger als sechs Wochen im Krankenhaus. „Häufig sind lange und wiederholte Aufenthalte in der Psychiatrie notwendig, was gerade für junge Menschen sehr belastend ist und einen Bruch in ihrer Biografie bedeutet“, so Mussa.

Etwa 75 Prozent der schweren psychiatrischen Erkrankungen beginnen in der Adoleszenz, d.h. in einem Alter von 16 bis 24 Jahren. Der frühe Beginn dieser Störungen stellt die Betroffenen vor die Herausforderung, die zentralen Aufgaben des Erwachsenwerdens unter deutlich erschwerten Bedingungen zu bewältigen: „Die Entwicklung der eigenen Identität, Werte und Ziele sowie die Anpassung an wechselnde soziale Bedingungen, müssen unter dem Einfluss von psychischen Erkrankungen gestaltet werden. Hierfür benötigen die Betroffenen Unterstützung durch ein Netz an Therapeuten und Ärzten“, erklärt Professor Dr. Martin Bohus, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Psychiatrische und Psychosomatische Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, der gemeinsam mit Professor Dr. Tobias Banaschewski, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie, für das Modellvorhaben und das therapeutische Konzept verantwortlich ist.

Vor allem der Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Erwachsenenpsychiatrie belaste häufig die Behandlung: „Hier setzt das Modellvorhaben an, indem ein sogenanntes Track-Konzept etabliert wird. Über einen langen Zeitraum haben die Patientinnen und Patienten feste Ansprechpartner, die ihnen zur Seite stehen. Dadurch können viele Krisen vermieden bzw. rechtzeitig erkannt werden, um früh zu intervenieren. Durch diese intensive Begleitung während der gesamten Adoleszenz erreichen wir nachhaltige Behandlungserfolge und vermeiden unnötige Aufenthalte in der Klinik“, so Banaschewski. Katrin Erk, Kaufmännischer Vorstand des ZI, lobt das Engagement der Projektpartner für eine verbesserte Versorgung: „Wir begrüßen es sehr, dass die AOK Baden-Württemberg und der BKK Landesverband Süd mit dem Modellvorhaben innovative Behandlungskonzepte des ZI aufgreift und hierfür die vom Gesetzgeber geschaffenen flexiblen Finanzierungsmöglichkeiten nutzen.“

Das Modellvorhaben startete im Herbst 2018, hat eine Laufzeit von 8 Jahren und wird wissenschaftlich evaluiert.

Zusätzliche Informationen für Journalisten zum Modellvorhaben:

Der Fokus des Modellvorhabens liegt auf einer Intensivierung der ambulanten Behandlung. Hierfür wird ein sogenanntes Track-Konzept auf Basis der „Dialektisch Behavioralen Therapie“ eingeführt: Im Zentrum der Behandlung steht die Vermittlung von spezifischen Fähigkeiten zur Stresstoleranz, Emotionsregulation, Selbstakzeptanz und zwischenmenschlicher Kompetenz. Die Patientinnen und Patienten erhalten ergänzend zur regulären ambulanten Behandlung in der Hochschulambulanz Gruppentherapien und die Möglichkeit der Behandlung zu Hause (Home Treatment) sowie ein kontinuierliches erlebnispädagogisch basiertes Programm. Hier werden zum Beispiel wöchentliche Gruppenabende, Wochenendaktivitäten oder gemeinsame Ausfahrten angeboten. Bei Stabilisierung der Patienten und nach Abschluss der Einzel- und Gruppentherapien in der Hochschulambulanz erfolgt die kontinuierliche begleitende Betreuung der Patienten über onlinegestützte Kontaktaufnahmen sowie quartalsweise Termine bei Bedarf. Durch diesen langfristig angelegten Behandlungsverlauf und dem damit verbundenen dauerhaften Patientenkontakt können akute Krisen reduziert bzw. kann umgehend dem Bedarf entsprechend behandelt werden.

Das Modellvorhaben basiert auf der innovativen therapeutischen Arbeit am Adoleszentenzentrum des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Das Adoleszentenzentrum ist eine gemeinsame Behandlungseinheit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin sowie des Instituts für Psychiatrische und Psychosomatische Psychotherapie. Durch die enge Zusammenarbeit dieser drei Abteilungen finden Patienten hier erstmals in Deutschland ein störungsspezifisches und kontinuierliches Behandlungsangebot über die komplette Phase der Adoleszenz.