Gesundheitswesen und Neurochirurgie – gibt es Grenzen?

Frankfurt/Main, 17. Juli 2019

3. VAG-Tag der BKK Vertragsarbeitsgemeinschaften (BKK VAG) Baden-Württemberg und Hessen

„Der Patient muss wieder im Mittelpunkt stehen“, eröffnete Prof. Dr. med. Giovanni Maio den 3. VAG-Tag der BKK VAG Baden-Württemberg und Hessen am 9. Juli 2019 in Frankfurt/Main. Eindringlich appellierte er an die Betriebskrankenkassen, sich zusammen mit der Ärzteschaft gegen den aktuellen Trend zu stellen: die Durchökonomisierung der Medizin.

Maios Botschaft war klar: „Lassen Sie sich von der Politik nicht vor deren Karren der Ökonomisierung der Gesundheit spannen. Eine der aktuellen Fehlentwicklungen besteht darin, dass die Politik die Gesundheitsversorgung an den Markt delegiert.“ In einer alternden Gesellschaft genüge es laut Professor Maio nicht, einige Stellschrauben im Gesundheitswesen zu ändern. Er warb für eine grundlegende Richtungsänderung, einen großen und offenen Dialog zwischen allen Partnern im Gesundheitswesen: Politik, Gesellschaft, Krankenkassen und Heilberufen. Professor Maio ist Arzt mit klinischer Erfahrung, Philosoph und Lehrstuhlinhaber für Medizinethik an der Universität Freiburg. Als Mitglied in zahlreichen Ethikkommissionen beriet und berät er unter anderem die Bundesregierung und die deutsche Bischofskonferenz.

Was für ein Gesundheitssystem wollen wir? Wie schaffen wir es, dass Medizin bezahlbar bleibt? Dass medizinische Versorgung auch in ländlichen Gebieten gewährleistet wird? Wie lässt sich Künstliche Intelligenz sinnvoll nutzen? Alles Fragen an den Experten. Dessen Richtschnur lautet: „Unser soziales und solidarisches Gesundheitssystem darf nicht zu stark durch marktwirtschaftliche Strukturen bestimmt werden. Maio unterstrich, dass Künstliche Intelligenz die Ärzte nicht ersetzen, diese jedoch „bei formalisierten Befunden, wie zum Beispiel beim Identifizieren von Hautkrebs, erheblich unterstützen kann“. Nur ein Mensch könne jedoch Behandlungen und Therapien individuell, unter Einbeziehung aller Aspekte wie Krankheitsverlauf, Alter, Wechselwirkungen, Vorerkrankungen und Lebensumstände empfehlen, urteilte der Wissenschaftler Maio über eine der meistdiskutierten Zukunftstechnologien. „Das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient ist unerlässlich, eine Ethik der Zuwendung notwendig. Dafür stehe ich“.

Stark in der Region – die Betriebskrankenkassen

Roland Rogge, Vorsitzender des Vertragsausschusses der BKK VAG Hessen führte als Hausherr die Referenten und in die Themen ein. In der offenen Diskussion kam er schnell auf die regionalen und sektorenübergreifenden Versorgungsmodelle der Betriebskrankenkassen zu sprechen. Damit bezeichnet man die interdisziplinär-fachübergreifende und sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fachärzten und Krankenhäusern. Ziel dieses Modells ist, die Versorgungsqualität zu erhöhen und die Gesundheitskosten zu senken.

Diese Steilvorlage ließ sich Dagmar Stange-Pfalz, Vorsitzende des Vertragsausschusses der BKK VAG Baden-Württemberg nicht nehmen: „Wir, die Betriebskrankenkassen bündeln als Vertragsarbeitsgemeinschaften unsere Kompetenzen, arbeiten kooperativ zusammen und schließen gemeinsam Versorgungsverträge in den jeweiligen Regionen“. Mit Blick auf die aktuelle Diskussion um das Faire-Kassenwahl-Gesetz (GKV-FKG) ergänzte sie: „Das zeigt, dass durch Vernetzung bundesweit und regional tätige Betriebskrankenkassen regionale Versorgungsangebote organisieren können.“ Dass diese Aufgabe nur von Krankenkassen unter Landesaufsicht übernommen werden könne, entbehre jeder Grundlage und verkenne darüber hinaus das vielfältige Engagement bundesweit geöffneter Krankenkassen für die Region.

Nah am Patienten – ein Vertrag zur Wirbelsäulenbehandlung wird volljährig

Die zweite Hälfte eröffnete Dr. med. Volker Ritzel, 2. Vorsitzender des Landesverbandes Niedergelassener Neurochirurgen in Hessen (LnNiH e. V.) und praktizierender Facharzt für Neurochirurgie mit Spezialisierung auf Wirbelsäulenchirurgie sowie periphere Nervenkompressionssyndrome. Anhand von Ischias, Bandscheibenvorfall und verengtem Wirbelkanal sezierte der Wirbelsäulenspezialist eine vertragliche Regelung aus dem Jahr 2000 zwischen dem LnNiH e. V. und der BKK VAG Hessen. Diese regelt seitdem die Durchführung operativer mikrochirurgischer Behandlungen an der Wirbelsäule, bei gleichzeitig starkem Fokus auf nicht-operative Behandlungsverfahren. „Wir (LnNiH e. V.) sind mit den Leistungen im Vertrag sowohl aus wissenschaftlicher, als auch wirtschaftlicher Sicht richtig aufgestellt. Wir haben leitliniengerechte Leistungen vereinbart und erbringen diese zu vergleichsweise günstigen Vergütungen“, fasste Ritzel zusammen. Er lobte den im Vertrag gewährten zeitlichen und indikatorischen Spielraum für Behandelnde. Unter Einbeziehung aller Fakten entschieden ärztliche Betreuer und Patienten gemeinsam, ob sie eine konservative, innovative oder operative Behandlungsmethode verfolgen. Genügend Zeit für Gespräche mit den Patienten bliebe allemal. Die ursprüngliche Regelung vom Herbst 2000 wurde mehrmals überarbeitet und kontinuierlich an die aktuellen Entwicklungen in der Medizin angepasst.

Information:

Die BKK Vertragsarbeitsgemeinschaft (BKK VAG) Baden-Württemberg und die BKK Vertragsarbeitsgemeinschaft (BKK VAG) Hessen

Die BKK VAG Baden-Württemberg und die BKK VAG Hessen sind zwei länderspezifische Zusammenschlüsse von Betriebskrankenkassen mit dem Ziel, die Interessen im jeweiligen Bundesland im Selektivvertragsbereich zu bündeln und gemeinsam Versorgungsverträge abzuschließen. Dadurch sollen möglichst viele BKK-Versicherte die Möglichkeit haben, innovative und die Regelversorgung ergänzende Leistungen in Anspruch nehmen zu können.

Seit dem 1. Juni 2011 haben sich 58 Betriebskrankenkassen zur BKK VAG Baden-Württemberg zusammengeschlossen. Die BKK VAG Hessen hat sich am 1. Oktober 2008 zusammengeschlossen und zählt aktuell 53 Betriebskrankenkassen.