„Frühe Hilfen" brauchen Fingerspitzengefühl

Betriebskrankenkassen haben bundesweit erste Rahmenvereinbarung zu Frühen Hilfen in Baden-Württemberg geschlossen

Misshandlungen und Vernachlässigungen von Kindern gaben bereits 2007 dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSF) Anlass, ein Aktionsprogramm „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder“ aufzulegen. Damit fiel der Startschuss zum Aufbau und zur Gewährleistung eines „sozialen Frühwarnsystems" zu Gunsten der Kindergesundheit. Ziel des Aktionsprogramms ist es, Risiken für Kinder frühzeitig zu erkennen und die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken. Dies soll u. a. durch eine bessere Verzahnung von Leistungen aus dem Gesundheitswesen mit Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe erreicht werden.

In Baden-Württemberg griff die Kassenärztliche Vereinigung (KVBW) die Initiative auf. Gemeinsam mit dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) wurde das Modellprojekt „Vernetzung lokaler Angebote im Rahmen Früher Hilfen mit vertragsärztlichen Qualitätszirkeln“ ins Leben gerufen. Diesem Projekt liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass eine konstruktive Vernetzung zwischen Vertragsärzten und Mitarbeitern der Jugendhilfe nur durch eine Einbindung der Jugendhilfe in die ärztlichen Strukturen gelingt. Die vertragsärztlichen Qualitätszirkel (QZ) wurden dabei als Vernetzungsplattform gewählt. In den QZ werden konkrete Fälle gemeinsam von Ärzten und Mitarbeitern der Jugendhilfe besprochen. Ein wesentlicher Aspekt des Projektes war die Schulung der Ärzte auf ein Wahrnehmungskonzept, um belastende Situationen in den Familien frühzeitig zu erkennen und die Eltern zu motivieren, unterstützende Angebote der Jugendhilfe anzunehmen.

Ziele des Projekts sind im Einzelnen:

  • Verbesserte Kooperation und Kommunikation zwischen Jugendämtern und Ärzteschaft/ Psychotherapeuten
  • Interdisziplinäres Fallmanagement und gesundheitsrelevante Familienpädagogik
  • Steigerung der Akzeptanz und Bereitschaft zur Inanspruchnahme frühzeitiger Hilfeannahme und Beratung
  • Unterstützung der Entwicklung von verbindlichen Kooperationsverfahren
  • Anregung der Gründung neuer interdisziplinärer Qualitätszirkel
  • Zunehmende Vernetzung mit allen regionalen Hilfsangeboten im Bereich Frühe Hilfen
  • Übertragung des Projektansatzes auf ganz Baden-Württemberg bzw. weitere KVen in Deutschland

 

Das Projekt wurde in der Modellphase vom Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) in Köln finanziert. Seit 1. September 2013 fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Bundesinitiative Frühe Hilfen das Projekt als überörtliche Maßnahme in Baden-Württemberg.

Das Programm wird wissenschaftlich begleitet und erfährt sozialpolitisch auf breiter Ebene Unterstützung. Die im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung entwickelte Dramaturgie „Vernetzung Früher Hilfen mit Qualitätszirkeln (Familienfall-konferenz)” wurde im Handbuch Qualitätszirkel der KBV aufgenommen.

Durch eine bei der KVBW eingerichtete Koordinationsstelle wird u. a. Unterstützung beim regionalen Aufbau neuer interdisziplinärer Qualitätszirkel mit Schwerpunkt „Frühe Hilfen“ geleistet, Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte zum Thema „Frühe Hilfen“ organisiert oder die Ausbildung neuer Moderatoren-Tandems für die Qualitätszirkelarbeit koordiniert.

Der BKK Landesverband Süd hat das Projekt in Baden-Württemberg von Anfang an positiv begleitet und für eine finanzielle Beteiligung der Betriebskrankenkassen geworben. Im Jahr 2012 trat der BKK Landesverband Süd in Vertragsverhandlungen mit der KVBW ein, um die Frühen Hilfen vom Projektstatus in eine verbindliche vertragliche Regelung zu überführen. Nach zweijährigen intensiven Verhandlungen ist es gelungen, gemeinsam mit der KVBW und dem Städte- sowie Landkreistag Baden-Württemberg eine Rahmenvereinbarung zur Vernetzung vertragsärztlicher Qualitätszirkel mit Leistungen der Träger der öffentlichen Jugendhilfe im Bereich „Frühe Hilfen“ in Baden-Württemberg (Vereinbarung Vernetzung Frühe Hilfen) zu schließen. Damit wurde ein Meilenstein in der Weiterentwicklung der Versorgung in Baden-Württemberg erreicht: „Frühe Hilfen“ werden Bestandteil der Regelversorgung. Teilnehmende Ärzte (u.a. Kinder- und Jugendärzte, Hausärzte, Frauenärzte) erhalten ein Honorar für ihre geschulte Einschätzung von familiären Belastungssituationen, die sich nachteilig auf die Entwicklung des Kindes auswirken können. Entsprechend identifizierte Familien werden vom Arzt über die vor Ort bestehenden Hilfeangebote im Bereich „Frühe Hilfen“ informiert und motiviert, diese Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Nutzen der Frühen Hilfen

Wissenschaftliche Erkenntnisse/Studien gelangen zu folgender Erkenntnis: Je frühzeitiger in die Entwicklung der Kinder investiert wird, umso größer ist der Nutzen für die gesamte Gesellschaft. Die Entwicklung eines Kindes ist abhängig von den Lebensverhältnissen und dem Umfeld, in dem es aufwächst. Hierbei spielen Faktoren wie z. B. die Beziehung der Eltern zueinander, die finanziellen Verhältnisse in der Familie oder Erkrankungen der Eltern (z. B. psychisch) eine wichtige Rolle. Der Grund für die Vernachlässigung und Misshandlung eines Kindes ist oft eine Überforderung der Eltern. Je früher die Eltern erreicht werden und Unterstützung erhalten, umso größer ist die Chance, dass sich das Kind gut entwickelt. Die Folgen vernachlässigter, misshandelter Kinder äußern sich von Entwicklungsstörungen des Kindes, psychischen und physischen Erkrankungen, Übergewicht über Lernstörungen in der Schule bis hin zu späteren Problemen, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, Arbeitslosigkeit und im Extremfall sogar Straffälligkeit. Ein Nichtstun belastet folglich die gesamte Gesellschaft.

Die in Baden-Württemberg geschlossene Vereinbarung Vernetzung Frühe Hilfen fördert die Zusammenarbeit zwischen behandelnden Ärzten und Jugendhilfe durch verbindliche Vernetzung, gemeinsame Fallbesprechungen und Entwicklung von Lösungen für den konkreten Einzelfall. Mit ihrem präventiven Ansatz verfolgt die Vereinbarung das Ziel, belastete Familien frühzeitig zu erkennen und geeigneten Unterstützungsmaßnahmen zuzuführen.

Der Nutzen der Frühen Hilfen für die Krankenkassen liegt auf der Hand: Gesundheitliche Schädigungen und Entwicklungsstörungen im späteren Leben des Kindes werden vermieden. Dadurch werden Folgekosten im Gesundheitswesen für z. B. Medikamente, Krankengeld, ambulante oder stationäre Behandlung akuter oder chronischer Erkrankungen reduziert. Nicht zuletzt werden Leid und Benachteiligung der betroffenen Kinder gemindert.

Informationen zur Rahmenvereinbarung und Beitrittsmöglichkeit für Betriebskrankenkassen

Die Vereinbarung Vernetzung Frühe Hilfen trat zum 1.10.2014 in Kraft. Betriebskrankenkassen haben die Möglichkeit, der Vereinbarung beizutreten. Bislang sind 30 Betriebskrankenkassen beigetreten. Wenn Sie der Vereinbarung ebenfalls beitreten möchten, können Sie sich das Beitrittsformular herunterladen.